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JOHN PEEL - PART 1
von Timur, gepostet am 06.01.2003, 12:41 Uhr
 
 



* JOHN PEEL - Part 1 *

JOHN PEEL - letzte große Stimme eines verdämmernden Mediums

Es gibt wenige Beispiele, an denen man zeigen kann: Die Unterteilung Nachkriegs-Westdeutschlands in ihre drei Besatzungszonen war kulturell nicht so folgenlos, wie die Meisten sich das vorstellen. Das beste Beispiel dafür ist das Phänomen John Peel.

Jeder einigermaßen musikinteressierte Mensch, der aus einer britischen Besatzerzone stammt, kennt Peel, ist mit ihm und seiner kühlen Radio-Stimme aufgewachsen. In den anderen Regionen, diesbezüglich kann wohl nur von Diaspora gesprochen werden, erntet man dagegen häufig genug höchstens Schulterzucken, fällt der Name des "Gottvaters aller Radio-DJs".

Peel, eigentlich John Robert Parker Ravenscroft, benannte sich wohl nach einem britischen Traditional:

"Did ye ken John Peel wid his cwote sae grey?
Did ye ken John Peel at the breck o' day?
Did ye ken John peel gayin' far, far away -
Wie his hoons and his horn in a mwornin'?"

Peel ist Diskjockey; er wurde am 30. 8. 1939 in Heswall geboren. Dann hört er, mit 14, den King. "...hearing Elvis come out of your radio when you were 14 was like Saul on the road to Damascus..." Da will er Radio-Moderator werden. Er geht zur BBC. So legendenhaft beginnt eine der eindruckvollsten Karrieren der modernen Medienwelt.

Schon in den 1960er Jahren galt Peel als einflussreichster Rundfunk-DJ Europas. Er entdeckte und förderte zahlreiche Musiker und Bands, wie z. B. Rod Stewart und David Bowie; etablierte die mitternächtliche Radiosendung "The Perfumed Garden" in London und spielte dort Platten damals junger Bands wie Pink Floyd, Grateful Dead und Velvet Underground.

In den 80er-Jahren begann die zweite Karriere des Mr. Peel: Mit seinem unstillbarem Interesse an Neuem in der Musik, mit seiner vollständig fehlenden Scheu, sich auch noch der unbekanntesten, abgedrehtesten Dorfcombo anzunehmen, wenn sie nur gut oder wenigstens neu war, wurde Peel zur Speerspitze der Independent-Bewegung, die im Gefolge der Punk & Wave -Welle die Musikszene kurzzeitig revolutionierte, ehe die Konzerne dann in den Neunzigern dank MTV und anderer Musikfernsehkanäle wieder die Oberhand gewannen.


Peel, der als Lieblingssong "Teenage kicks" der Undertones angibt, war der wichtigste Radio-DJ in einer Zeit, als Radio noch das Leitmedium für Musik war; er spielte sie, die oft großartigen Bands, die ihre Platten auf befreundeten Klein- und Kleinstlabels herausbrachten - und er spielte sie auf BBC 1!

So präsentierte er dem staunenden Publikum Prog- und Krautrock, erklärte beispielsweise Tangerine Dreams viertes Album 1973 zur ‚Platte des Jahres' - vollständig verstiegene Deutsche!; Kopfschütteln in der britischen Musik-Presse war die Folge. Und es war ihm, wie immer, ganz egal...

Peel spielte Reggae, Punk, HipHop usw., lange bevor diese Sparten im Mainstream untertauchten. Ohne Peel wäre Punk und Independent (oder New Wave) gar nicht erst möglich gewesen; Reggae etc. hätten nie eine solche Bedeutung bekommen - auch schon ab 1977.

In den ausgehenden 80ern hatte er hierzulande seine Epigonen gefunden, in Deutschland bekannt vor allem Klaus Walter, hier in Stuttgart Stefan Siller. Gerade das musikalische Gesicht der 80er ist ohne John Peel in dieser Form nicht denkbar - wenigstens nicht so, wie es sich die indiesozialisierten heutigen Dreißiger- bis Mittvierziger zurechtgebogen haben und in ihrem kollektiven Gedächtnis mit sich tragen. Viele Bands wären ohne die Institution Peel nie über ihr engeres Umfeld hinaus bekannt geworden. Man muss ihn nicht kennen, um von ihm, seiner unsichtbaren Stimme und ihrer Macht, beeinflusst zu sein.

Peel ist so noch heute, im Zeitalter von mp3 und Internet-Radio, wie man sagt: "einer der letzten großen Radio-DJs"; das erinnert an den Einstürzende-Neubauten-Song "Letztes Biest am Himmel", soll heißen: Er ist eine Gestalt aus einer anderen, längst vergangenen Ära, als junge Menschen des Nächtens am heimischen Kassettenrekorder Radio hörten und Sendungen, ganz oder teilweise, mitschnitten, in eigenartiger, entrückter Weltvergessenheit.

Obwohl Peels Ätherzeiten laufend beschnitten werden, gräbt er unerschüttert weiter im Untergrund der Musik, wie es heute natürlich viele tun (jeder ist ein DJ...), um klanggewordene Schätze zu bergen. Aber nur er ist John Peel. In der dümmlichen Werbetextersprache unserer Zeit könnte man sich hinstellen und trompeten: "Peel ist Kult." Doch er ist mehr, viel mehr.

Auch heute, zum 40-jährigen Jubiläum des Meisters am Rundfunk-Mikrofon, schmücken die superaufwändige, offizielle Peel-Webseite der BBC als einzig erwähnte Bands so "berühmte" Namen wie Mogwai, Melt Banana, White Stripes, Gorki Zygotic Mynci - und ist das nicht großartig?

Insgesamt verdichtet sich die Geschichte des Mediums Nachkriegs-Radio und die der Popmusik in der legendenumrankten Gestalt des John Peel zu einer einzigen, schillernden Metapher. Die Person tritt, wie ansonsten höchstens noch im Falle Andy Warhols, komplett hinter der Ikone Peel zurück.

Im Unterschied zu Warhol, Madonna u.v.a. ist DJ-Übervater, den Spielregeln des Mediums Radio gemäß, gleichwohl eine unsichtbare Ikone, wenn auch eine von einschüchternder Präsenz. Kaum jemand weiß, wie der zurückgezogen auf dem Land lebende Mann mit Bart und schütterem Haar tatsächlich aussieht.

Das ist erstaunlich in einer Zeit der Bilderflut, des umgreifenden Voyeurismus im Zeichen nahezu kompletter Visualisierung. Zumindest aber ein schöner Anachronismus, diese wohl vertraute Stimme, bekannt für ihre äußerst lakonischen Kommentare, die aus einem langsam verdämmernden Medium zu uns kommt. Wie sie vibriert, die Luft aufraut. Noch einmal das Mysterium Radio fühlen: Unerklärlich, wie eine fremde, körperlose Stimme die Macht besitzen kann, unser Inneres zu greifen. Allein durch das Flattern fremder Stimmbänder. Und was sie sagt. Und die Musik, die folgt. Die Musik.

Natürlich ist da heute auch, ganz losgelöst von dieser Stimme, der Name Peels, der inzwischen zum Siegel für musikalische Qualität geworden ist - fast vollständig frei von jedweder musikalischer Inhaltlichkeit.

Man findet kaum eine Web-Seite einer namhaften Band im Internet, in der der Name John Peel nicht fällt; losgelöst von der Person des Radio-DJs, gewann der zur Formel erstarrte Name die Bedeutung einer Auszeichnung, und zwar der in Musikerkreisen höchstmöglichen: der Einladung zu einer der legendären Peel-Sessions.

Seit den später Siebzigern (10. 5. 1977: die großartigen The Damned) animierte Peel immer wieder Bands, ihre Musik in den BBC-Studios- einzige Regel: innerhalb eines Tages - einzuspielen und abzumischen.

Beispielhaft ist etwa die Formulierung der Selbstsicht des eigenen musikalischen Lebenswerks auf der offiziellen Seite von New Order: "Sechs Studioalben, drei davon Platin, ein John Peel-Live-Mitschnitt (der erste, der auf Vinyl veröffentlicht wurde), zwei Best-of-Compilations, 34 Singles..."

Zuletzt folgten die Berliner Avantgardeelektroniker Rechenzentrum dem Ruf ins Studio, wobei mit Studio schon lange nicht mehr die heiligen Räume bei der BBC, sondern das eigene des Herrn Peel‚ somewhere in England' gemeint ist.

Während unzählige Sessions im BBC-Archiv lagern, wurden seit Mitte der 80er einige auch auf Vinyl veröffentlicht - und das aus gutem Grunde: Wohl jeder, der die 30 überschritten hat und mehr als 100 Platten sein eigen nennt, hat darunter wohl auch die eine oder andere "Peel-Session" stehen, beispielsweise von den Gang of Four oder der Wedding Present; er kennt dann das eigentümlich textlastige, ziemlich hässliche Artwork in Schwarzweiß, das diesen meist großartigen Scheiben im EP-Format zu eigen ist.

Peel, der zurückgezogen auf dem Land lebt, beschreibt seine Arbeit als Obsession: "...I do the bulk of it myself...I sit there at home and Sheila brings me glasses of red wine...you have to be faintly obsessive to do it, otherwise you'd just go to the pub..."

Auf seinen letzten Sendungen zeigt er sich musikalisch kompromisslos wie eh und je; die Hörer des Radio Harakiri auf dem Freien Radio für Stuttgart dürfen gespannt sein: die Playlist besteht wie gehabt aus einem Drittel Musik, die sonst wohl weltweit nie mehr im Radio gespielt werden wird, ein Drittel wird richtig groß, nur du hörst es bei Peel ungefähr ein halbes Jahr zuvor, und ein Drittel ist für die Sammler, die sich in ihrer Geschmackssicherheit ein weiteres Mal bestätigt fühlen dürfen, weil sie mit dem Meister auf einer Linie liegen. Eine explosive Mischung, in jedem Fall.

Im Jahr 1998 hat das Cosmopolitan-Magazin seine Liste "100 men our readers love most in the world" veröffentlicht. Auf Platz 47 landete - John Peel, noch vor Gestalten wie Matt Dillon, Mel Gibson, Dustin Hoffman, Bono and Gary Oldman (aber hinter Nelson Mandela, dem Dalai Lama, Sting, David Beckham, und, wer auch immer das sei, Steve Coogan.

Peel zeigte sich geschmeichelt, aber gestand: "It's come a bit late in life".


26. Oktober 2004 :
Radio-DJ John Peel gestorben
Der legendäre britische Radio-DJ John Peel ist im Alter von 65 Jahren im peruanischen Lima an einem Herzinfarkt gestorben.



(JR) ergänzt von (tk)

wird noch fortgesetzt und erweitert.......
 


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